Notiztechnik

Beim Konsekutivdolmetschen hört der Dolmetscher sich erst die zu verdolmetschende Rede oder einen Teil der Rede an und wiederholt sie anschließend in der anderen Sprache. Nur sehr kurze Abschnitte lassen sich hierbei völlig aus dem Gedächtnis wiedergeben, auch wenn das Gedächtnis von Dolmetschern meist so geschult ist, dass sie auch zwei oder drei Sätze am Stück ohne jedes Hilfsmittel verlustfrei in die andere Sprache übertragen können.

Aber bei einem "echten" Konsekutivauftrag kommt eigentlich immer die Notizentechnik ins Spiel. Während er die Rede hört, macht der Dolmetscher sich Notizen, anhand derer er das Gesagte anschließend in der anderen Sprache vorträgt.

Bei diesen Notizen handelt es sich allerdings nicht um Stenographie, wie oftmals angenommen wird, sondern um eine Mischung aus Zeichen, Worten, Pfeilen, Unterstreichungen und Abkürzungen, die hauptsächlich als Gedächtnisstütze während der Verdolmetschung gedacht ist.

Stenographie wäre für den Dolmetschprozess denkbar ungünstig, ganz gleich, wie gut und schnell der Stenographierende arbeitet. Denn wird ein Text mitstenographiert, so steht anschließend genau derselbe Text auf dem Notizblock, in genau derselben grammatikalischen Form, mit allen Nebensätzen und Eigenheiten des Redners.
Dieser Text müsste dann vom Dolmetscher erst wieder entziffert werden, und selbst wenn er Stenographie so schnell lesen könnte wie gewöhnliche Schrift, stünde der Text immer noch in der Ausgangssprache da, und der Dolmetscher müsste ihn nun vom Blatt herunter übersetzen - ein Aufwand, der doppelte Anstrengung und doppelte Zeit benötigt und in der Praxis nicht umsetzbar ist.

Statt dessen notiert der Dolmetscher den Text auf eine Art und Weise, die sprachübergreifend ist und die das Gesagte gewissermaßen auf den reinen Inhalt reduziert. Piktogramme geben Hauptwörter wieder, kleine Kreise über den Zeichen symbolisieren Personen, Smileys stellen Gefühlsregungen dar, Pfeile bilden Rückbeziehungen zu bereits vorher Gesagtem, und Unterstreichungen verstärken Aussagen des Redners. Nebensätze werden durch Einrückungen auf dem Block repräsentiert. So muss der Dolmetscher sich nicht davon ablenken lassen, während seines Vortrages erst noch den Text aus der Ausgangssprache zu übersetzen. Wenn er auf seinen Notizblock schaut, sieht er mit einem Blick das Gerüst des Inhaltes und kann sich so voll darauf konzentrieren, diesen Inhalt stilistisch anspruchsvoll in die Zielsprache zu übertragen.

Hier ein Beispiel für einen kurzen Abschnitt, wie er in einer typischen konsekutiv zu dolmetschenden Rede vorkommen könnte (wenn auch die Schrift bei einem "echten" Notizenbeispiel vermutlich wesentlich unleserlicher wäre):

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich freue mich sehr, dass Sie heute so zahlreich in diesem altehrwürdigen Gemäuer, das 1876 von Fürst Ludwig I. in Auftrag gegeben wurde, erschienen sind.


Ich hoffe, dass Sie hier zwei interessante Tage verleben werden, die unter dem Thema "Die Dritte Welt im Spannungsfeld zwischen Landwirtschaft und Industrialisierung" stehen werden.


In den vergangenen Jahren hat die dritte Welt einen erstaunlichen Aufschwung erlebt, doch noch immer ist die Armut, in der viele Menschen leben, erschreckend hoch, vor allem unter der bäuerlichen Bevölkerung.




Die Unterstützung, die der dritten Welt von Seiten der Entwicklungsländer zuteil wird, hilft natürlich, doch diese ist bei weitem noch nicht ausreichend. Regierungen zahlen enorm hohe Summen, doch dies allein ist nicht genug.



Daher sind vor allem die Menschen, ist jeder Einzelne aufgerufen, zu helfen und sein Scherflein beizutragen. Und aus diesem Grunde bitte ich Sie heute: ich bitte Sie von Herzen, helfen Sie, so viel Sie zu helfen im Stande sind, auch wenn dies gar nicht viel sein mag. Jede noch so kleine Spende hilft. Lassen Sie uns nun, im Geiste der Großzügigkeit, unsere Gläser erheben auf die Gleichheit und auf ein Ende der Armut in der Welt!

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